Mit dem ersten Rennen in Anaheim startete die Monster Energy AMA Supercross Serie in die Saison 2026. Eine sehr interessante und faszinierende erste Runde der großen SMX World Championship brachte dabei einige höchst spannende Storylines sowohl für die 450er- als auch für die 250er-Klasse mit sich. In diesem Gastbeitrag fasst uns Vital-MX-Journalist Lewis Phillips einige dieser zusammen.
Eli Tomac:
Mit dem Sieg in Anaheim und damit seinem ersten Sieg beim ersten Versuch in 2026 stand Eli Tomac nun in der zwölften Saison in Folge mindestens einmal ganz oben auf dem Podium. Er ist außerdem der erst zweite Fahrer, der mit nun insgesamt vier unterschiedlichen Herstellern gewann. Genau dieser Sieg, der 54. seiner Karriere, ist dabei auf extrem vielen Ebenen hoch ausschlaggebend – er brachte seine Kritiker zum Schweigen, bestätigte seinen Wohlfühlfaktor auf der neuen KTM und nahm ein wenig Druck von den Schultern seines Arbeitgebers.
Ein sehr entscheidender Faktor für seinen Erfolg könnten dabei die brandneuen WP-Komponenten gespielt haben. Eine grundlegend überarbeitete Gabel und ein Dämpfer standen ihm seit seinem letzten Rennen zur WSX in Australien zur Verfügung und dürften gerade in Sachen Balance einiges bewirkt haben.
„Das Fahrwerk, was wir aktuell benutzen, ist komplett neu“, teilte KTM-Teammanager Ian Harrison mit. „Wir haben es erst vor wenigen Wochen erhalten und es brauchte etwas Feintuning bei jedem unserer Fahrer, aber sie waren sich alle einig, dass es besser ist als das alte.“

Jorge Prado:
Ist es überhaupt möglich, Jorge Prados Weg zu diesem Podium kurz und knapp zu beschreiben? Ein dritter Platz ist kurzum unglaublich und wirft man einen Blick auf die Fakten, fällt auf, dass es absolut kein Zufall oder Glück war. Die Streckenbedingungen waren seit dem Qualifying vollkommen normal, das Feld bärenstark besetzt und Prado seit Q1 mehr als nur gut unterwegs.
Sogar seine schnellste Runde im Mainevent, eine 01:07.059, war die sechstbeste überhaupt und obendrein besser als die von Hunter Lawrence hinter ihm. Gleiches gilt für die durchschnittliche Rundenzeit.
„Das geht komplett über meine Erwartungen hinaus“, sagte Prado. „Mein Ziel war es, einfach das Wochenende ins Ziel zu bringen und mein Bestes zu geben. Ich hatte eine großartige Vorbereitung dieses Jahr, aber ich bin immer noch total unerfahren im Supercross. Das Heat-Race zu gewinnen war schon absolut großartig, aber ich wusste, es ist nur ein kurzes Rennen und ein guter Start macht dort viel aus. Im Mainevent bin ich einfach meinen Stiefel hingefahren. Als ich die schwarz-weiß karierte Flagge gesehen habe, konnte ich nicht fassen, wie ich überhaupt hierhin gekommen bin.“

Cooper Webb:
Cooper Webb gilt normalerweise als ein sehr unterschätzter Fahrer, der stets auf die Fehler von anderen Piloten wartet und diese dann gnadenlos ausnutzt. Auf bizarre Art und Weise war er jedoch derjenige, der in Anaheim von Fehlern geplagt wurde. Die Probleme, die sowohl im Heat-Race auftraten (falsches Antizipieren von Aaron Plessingers Linie) und später auch im Mainevent (Berühren des Vorderrads von Hunter Lawrence), waren verdammt untypisch für den amtierenden Champion, gerade wenn man bedenkt, dass er mit seinem bekannten Chassis und einem überarbeiteten Motor unterwegs war. Glücklicherweise für Webb betrieb er noch gute Schadensbegrenzung und finishte am Ende auf Position sieben, mit Chase Sexton in seinem Rückspiegel.

Chase Sexton:
Chase Sextons Kawasaki-Debüt beinhaltete einige positive Punkte: Pole-Position, die drittschnellste Rundenzeit im Mainevent und die besten Sektorzeiten in Sektor eins und fünf. Allerdings kam Runde eins auch nicht ohne Drama: Stürze in jedem seiner Rennen und einige Fehler ließen ihn am Ende nur auf Rang acht zurück.
Es ist vielleicht nicht so schlecht, wie es das Endergebnis vermuten lässt, aber dennoch ist Anaheim 1 Sextons schlechtestes Supercross-Ergebnis seit der vorletzten Runde 2024. Ein gutes Zeichen für Sexton: Vor San Diego sollen wohl einige Verbesserungen an seiner KX450 vorgenommen werden.
In einem Statement vom Team betonte Sexton: „Der Tag startete richtig gut mit der schnellsten Qualifikationszeit. Ich habe mich richtig gut auf der Strecke gefühlt und hatte den nötigen Speed, um vorne mitfahren zu können. Leider habe ich anschließend zu viele Fehler gemacht. Es ist erst Runde eins und wir haben über die Offseason eine gute Basis geschaffen, um in den nächsten Wochen bessere Resultate abzuliefern.“

Dylan Ferrandis:
Um es wirklich zu glauben, muss man es wohl gesehen haben, aber die Desmo450 MX ist jetzt schon in der 450er-Klasse angekommen! Ducatis Debüt, verständlicherweise überschattet von Justin Barcias Horror-Crash, zeigte trotzdem einen frischen Dylan Ferrandis auf Gesamtplatz neun.
Berücksichtigt man den Fakt, dass der Franzose sich letztes Jahr nur zweimal besser als Position sieben platzierte, dann weiß man, dass das Bike dieses Jahr keineswegs eine Limitierung, sondern vielmehr eine Hilfe auf Anaheims rutschigem Boden darstellte. Am erstaunlichsten ist der Fakt, dass Ferrandis auch spät im Mainevent noch in der Lage war, die Whoops zu rattern und dort auch die zweitbeste Sektorzeit fuhr.
Die beste News aus dem Angel Stadium ist jedoch ganz klar, dass sich Justin Barcia nach seinem schweren Sturz vollständig erholen wird. „Ich bin glücklich, sagen zu können, dass ich mit meiner eigenen Kraft aus dem Krankenhaus hinauslaufen konnte“, sagte er. „Der Crash war auf jeden Fall heftig. Ich habe schon ein paar harte Schläge in meiner Karriere aushalten müssen, aber das war mit Abstand der härteste. Ich habe mich noch nie so erschöpft gefühlt – ich kann kaum mein Genick bewegen. Zum Glück ist meine Wirbelsäule aber okay und ich benötige keine Operation.“

Max Anstie:
Mit Max Ansties Sieg in Anaheim klinkt sich der Brite ganz offiziell mit in den Titelkampf ein. Nach einer eher durchwachsenen Qualifikation kämpfte er sich zurück und gewann dominant das Mainevent, während seine direkten Gegner Federn lassen mussten. Seine Entscheidung, mit einem weicheren Suspension-Setup zu starten, zahlte sich definitiv aus und gerade mit seinem Kurvenspeed konnte kein anderer Fahrer mithalten.
Er war außerdem einer von lediglich zwei Fahrern, die die 3-3-Kombination aus der zweiten Kurve heraus springen konnten. Diese Linie war so schnell, dass er allein auf dieser einen Gerade 1,138 Sekunden schneller war als Haiden Deegan. Kombiniert mit fantastischem Whoop-Speed ist zusammenfassend zu sagen, dass er bisher noch keine Schwäche vorzuweisen hatte. Die fünf schnellsten Runden im Mainevent gehen alle auf sein Konto – allein das spricht für sich!
„Ich glaube, der Weg, der mich hierhin geführt hat, ist etwas ganz Besonderes“, betonte Anstie. „Ich bin natürlich unendlich dankbar und ich möchte unbedingt diese Meisterschaft gewinnen! Das ist das Ziel. Wir haben jetzt noch neun Runden zu gehen und ich fühle mich bereit – also los geht’s nach San Diego.“
