Jett Lawrence ist zurück – und natürlich schaut jetzt jeder ganz genau hin. Hält der Fuß? Ist der Speed wieder da? Bei Honda bleibt man ruhig: Johnny O’Mara ist überzeugt, dass Jett sofort wieder vorne mitmischen kann.
Pala bekommt am Samstag nicht einfach nur den Start in die neue Motocross-Saison. Pala bekommt ein Comeback, über das die Szene schon seit Wochen spricht. Sobald das Gatter fällt, gehen die Blicke auf Jett Lawrence: auf seine ersten Runden, seine Linienwahl, seine Aggressivität – und natürlich auf den Fuß, der ihn monatelang ausgebremst hat.
Der Trainingscrash im Dezember war heftig. Jett verletzte sich schwer im Fuß- und Sprunggelenkbereich, musste lange pausieren und sich durch eine harte Reha arbeiten. Das war keine Kleinigkeit, die man mit ein paar ruhigen Wochen abhakt. Trotzdem klingt im Honda-Lager niemand so, als würde man mit angezogener Handbremse nach Pala reisen.
Johnny O’Mara, früher selbst Honda-Star und heute eine der wichtigsten Stimmen im Umfeld der Lawrence-Brüder, sagt es klar und ohne großes Drama: „Jett ist startklar. Er war lange weg vom Motorrad, das stimmt. Aber er brennt darauf, wieder Rennen zu fahren. Die Reha war intensiv, jetzt passt alles für Samstag. Wir sind alle gespannt, ihn wieder draußen zu sehen.“
O’Mara macht dabei keinen Versuch, die Verletzung kleinzureden. Im Gegenteil. Er weiß, dass so ein Schaden Spuren hinterlassen kann. Vielleicht sieht man Jett im Fahrerlager noch etwas humpeln. Vielleicht fühlt sich der Fuß nie wieder ganz so an wie vor dem Sturz. Aber das heißt nicht, dass er auf dem Motorrad nicht wieder auf höchstem Niveau funktionieren kann.
„Der Fuß ist stabil“, erklärt O’Mara. „Das war ein sehr schwerer Bruch rund ums Sprunggelenk, darüber wurde ja viel gesprochen. Aber aktuell sieht alles gut aus. Wir waren seit dem ersten Tag eng dran, mit Top-Ärzten und den besten Reha-Leuten. Natürlich kann es sein, dass er noch etwas humpelt. Das gehört bei so einer Verletzung dazu. Ich kenne das von meinem eigenen Fußbruch. Manche Dinge werden nie wieder ganz wie früher. Aber das heißt nicht, dass man seinen Job nicht auf absolutem Topniveau machen kann.“
Genau auf diesen Punkt kommt es für Honda an. Nicht darauf, ob Jett im Fahrerlager komplett beschwerdefrei aussieht. Sondern darauf, ob er im Rennen wieder Jett Lawrence sein kann: schnell, sauber, kontrolliert und brutal effizient.
O’Mara sieht ihn dort, wo er sein muss. Jett hatte Zeit auf dem Bike, konnte testen, abstimmen und sich wieder an die Belastung herantasten. Während andere noch im Supercross-Rhythmus steckten, lag sein Fokus bereits auf Motocross. Das kann für Honda jetzt ein Vorteil sein – auch für Hunter.


Denn Hunter Lawrence kommt aus einer ganz anderen Situation. Er war bis zum letzten Rennen in den Supercross-Titelkampf verwickelt und musste sich am Ende Ken Roczen geschlagen geben. Knapp, bitter, schmerzhaft. Aber laut O’Mara nicht lähmend.
„Hunter ist okay“, sagt O’Mara. „Er ist ein intensiver Typ. Nach so einem Moment gibt man ihm kurz seinen Raum. Nach 24 Stunden ist er wieder nach vorne gerichtet. Er schmollt nicht, aber natürlich tut es weh. Wenn man so sehr gewinnen will, muss es weh tun. Wäre ihm das egal, wäre das eher ein schlechtes Zeichen. Die besten Leute, mit denen ich gearbeitet habe – Champions, Unternehmer, echte Siegertypen – sind nicht glücklich, wenn sie ihr Ziel verpassen. Aber sie bleiben nicht stehen.“
Genau das scheint Hunter getan zu haben. Die Enttäuschung war da, aber sie bleibt nicht kleben. Für O’Mara gehört das zum Paket: Wer gewinnen will, muss auch mit Niederlagen umgehen, ohne sich von ihnen auffressen zu lassen.
Körperlich sieht er beim älteren Lawrence-Bruder ohnehin kein großes Fragezeichen. Hunter hat eine komplette Supercross-Saison auf höchstem Niveau hinter sich. Das hält einen Fahrer scharf, auch wenn die reine Outdoor-Vorbereitung kürzer war.
„Hunter hatte draußen weniger Vorbereitungszeit, einfach weil er gerade erst aus der Supercross-Saison kam“, sagt O’Mara. „Aber wer 17 Supercross-Rennen auf diesem Niveau durchzieht, ist fit. Da habe ich keine Zweifel. Zwei lange Motos schafft er. Er ist sehr fein abgestimmt, und der Körper hat die Saison gut weggesteckt.“
Damit rollt Honda mit einer ziemlich spannenden Doppelspitze nach Pala. Jett kommt als Champion zurück, aber eben mit einer großen Comeback-Geschichte im Gepäck. Hunter bringt Frust, Hunger und Rennhärte mit. Zwei Brüder, ein Team, ein Ziel – und wahrscheinlich genug internen Ehrgeiz, um sich gegenseitig noch schneller zu machen.
Im Hintergrund steht O’Mara, der das Honda-Programm nicht nur begleitet, sondern aktiv mitgeprägt hat. Er kennt die Marke aus seinen eigenen Rennzeiten, als Honda in den Achtzigern eine echte Macht war. Genau diesen Geist wollte er wieder stärker ins heutige Team bringen: klare Strukturen, enge Verbindung nach Japan, ein Umfeld, in dem Jett und Hunter möglichst wenig dem Zufall überlassen müssen.


„Viele kennen meine Honda-Geschichte“, sagt O’Mara. „In den Achtzigern haben wir dort ein unglaublich starkes Team aufgebaut. Das ist lange her, aber genau dieses Gefühl wollten wir für Jett und Hunter wieder herstellen. Honda hat mir viel Freiraum gegeben, die richtigen Leute an die richtigen Stellen zu bringen. Japan ist heute deutlich stärker eingebunden. Das Programm ist so aufgebaut, dass beide Jungs gewinnen können.“
Trotzdem wird diese Saison natürlich kein reines Lawrence-Thema. Dafür ist das 450er-Feld viel zu stark. Und dann wäre da noch Haiden Deegan. Sein Aufstieg auf die 450er Yamaha bringt Lärm, Klicks und jede Menge Erwartung mit. Viele Fans warten längst auf die große Show: Deegan gegen Lawrence, Hype gegen Champion, neue Rivalität gegen alte Dominanz.
O’Mara lässt sich davon nicht anstecken. Er unterschätzt Deegan nicht, aber er macht ihn auch nicht zum Mittelpunkt der Honda-Welt.
„So ticken wir nicht“, sagt O’Mara. „Wir sind ja nicht blind. Wir haben gesehen, wie erfolgreich er auf dem kleineren Motorrad war. Natürlich rechnen wir damit, dass er auch auf der 450er sofort schnell ist. Wo er wirklich steht, sehen wir erst beim Saisonstart. Aber das Feld ist brutal stark. Da stehen gestandene Fahrer, Champions und mehrfache Titelträger am Start. Wir suchen uns keinen einzelnen Gegner heraus. Wir bereiten uns einfach auf einen harten Kampf vor.“
Genau deshalb wirkt der Ton im Honda-Lager fast auffällig nüchtern. Kein großes Gerede. Keine künstliche Rivalität. Kein Fokus auf einen einzigen Namen. Die Rechnung ist einfacher: 22 Motos, dann weiter Richtung SMX-Finals. Wer da nur auf den Hype schaut, verpasst schnell den Rest.
„Für uns ist das einfach der Start einer neuen Motocross-Serie“, sagt O’Mara. „Nicht mehr und nicht weniger. Man könnte denken, dass es darüber große Besprechungen gibt, aber die gibt es nicht. Wir können nur kontrollieren, was direkt vor uns liegt. Also sorgen wir dafür, dass wir vorbereitet sind. Alles andere blenden wir aus.“
Und genau deshalb ist Pala so spannend. Jett muss zeigen, dass sein Comeback nicht nur auf dem Papier bereit ist. Hunter will beweisen, dass ihn der verpasste Supercross-Titel nicht ausbremst, sondern eher anfeuert. Deegan bringt frische Energie und einen riesigen Hype mit. Dazu kommt ein Feld voller Fahrer, die ganz sicher nicht nur Statisten sein wollen.
Für die Fans ist das ein Traumstart. Ein Champion mit Comeback-Story, ein Bruder mit Rechnung offen, ein Rookie mit gewaltigem Echo – und ein Honda-Team, das nach außen erstaunlich entspannt wirkt.
Wenn O’Mara richtig liegt, wird Jett nicht lange brauchen, um wieder wie Jett auszusehen. Vielleicht sieht man im Fahrerlager noch Spuren der Verletzung. Vielleicht bleibt ein kleiner Restzweifel, bis das Rennen wirklich läuft. Aber sobald der Helm auf ist, zählt nur noch eins: Tempo. Und genau dort erwartet Honda seinen Champion wieder.
