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Unmut bei Chase Sexton

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Lesedauer: 3 min

Garrett Marchbanks liefert in Hangtown genau das Ergebnis, das Kawasaki gebraucht hätte – nur nicht vom erwarteten Fahrer. Während Chase Sexton weiter mit Frust, Stürzen und Fragezeichen kämpft, wirkt der vermeintliche zweite Mann plötzlich wie der stabilere Fixpunkt im Team.

Kawasaki kam mit einer klaren Rollenverteilung in die Saison: Chase Sexton ist der Star, der Titelkandidat, der Fahrer, von dem Podien und Siege erwartet werden. Garrett Marchbanks dagegen sollte solide Punkte holen, sich weiterentwickeln und dem Team zusätzliche Breite geben. Nach Hangtown wirkt diese Ordnung zumindest für einen Moment deutlich weniger eindeutig.

Marchbanks fuhr beim zweiten Lauf der AMA Pro Motocross Championship ein starkes 6-5-Ergebnis ein und wurde Fünfter in der Tageswertung. Damit war er bester Kawasaki-Pilot. Für ihn war es ein klares Statement nach dem schwierigen Auftakt, bei dem ihn eine Kollision mit Eli Tomac früh zurückgeworfen hatte. Eine Woche später zeigte er genau die Reaktion, die Teams sehen wollen: bessere Starts, saubere Motos, keine großen Fehler, sichtbarer Fortschritt.

Sein Kommentar nach dem Rennen passte zu diesem Bild. Marchbanks sprach von einem „soliden Tag“, von harten Arbeitsstunden des Teams und davon, den Schwung nach Thunder Valley mitzunehmen. Kein großes Drama, keine Ausreden, keine überzogenen Ansagen. Nur der Eindruck eines Fahrers, der das aktuelle Paket annimmt und Schritt für Schritt mehr daraus macht.

Ganz anders die Lage bei Sexton. Der eigentliche Kawasaki-Leader hatte in Hangtown erneut einen zähen Tag. Im ersten Moto stürzte er zweimal und kam nur auf Platz elf. Rang vier im zweiten Lauf rettete das Ergebnis etwas, doch 11-4 bedeutete am Ende nur Platz sieben. Für einen Fahrer mit seinem Anspruch ist das zu wenig – und genau das war ihm auch anzumerken.

Sexton sprach offen von Frust. Sein Ergebnis sei nicht dort gewesen, wo er es erwartet habe – und genau dieser Frust soll sich nach dem ersten Moto auch am Kawasaki-Truck entladen haben. Aus dem Fahrerlager war zu hören, dass Sexton sein Bike nach dem Lauf offenbar nicht gerade zimperlich abgestellt haben soll. Bestätigte Bilder davon gibt es bislang nicht, deshalb bleibt es ein Verdacht. Doch allein, dass solche Geschichten überhaupt die Runde machen, passt zum aktuellen Eindruck: Bei Sexton liegen die Nerven blank.

Und genau das ist für Kawasaki heikel. Ein Starfahrer darf wütend sein, erst recht nach zwei Stürzen und einem enttäuschenden Ergebnis. Aber wenn der Ärger sichtbar nach außen kippt, wird daraus schnell mehr als nur sportliche Enttäuschung. Dann wirkt es unprofessionell – vor allem in einem Team, das ohnehin unter Druck steht und gleichzeitig sieht, wie Marchbanks mit demselben Umfeld ruhig, konstruktiv und erfolgreich arbeitet. Sexton hat das Tempo, keine Frage. Doch aktuell scheint er weniger an Speed zu verlieren als an Kontrolle über die Situation.

Der spannendste Vergleich liegt deshalb weniger in den reinen Platzierungen, sondern im Umgang mit der Situation. Marchbanks scheint mit der Kawasaki zu arbeiten, auch wenn sie nicht perfekt ist. Er akzeptiert Schwächen, bleibt offen, sammelt Fortschritte und baut Vertrauen auf. Sexton dagegen wirkt, als würde er noch immer gegen das Motorrad, gegen die Umstände und vielleicht auch gegen die eigene Erwartungshaltung fahren.

Natürlich bleibt Sexton der Fahrer mit dem größeren Namen und dem höheren Ceiling. Niemand zweifelt daran, dass er das Tempo für die Spitze hat. Aber Motocross gewinnt man nicht nur mit Speed. Starts, Selbstvertrauen, Anpassungsfähigkeit und mentale Ruhe sind genauso entscheidend. Genau dort hatte Marchbanks in Hangtown die Nase vorn.

Auch die Kawasaki selbst kann nicht die alleinige Erklärung sein. Wenn Marchbanks mit demselben Grundpaket Fünfter wird, dann ist das Bike zumindest konkurrenzfähig genug für starke Resultate. Vielleicht nicht perfekt. Vielleicht nicht immer auf dem Niveau der besten Motorräder im Feld. Aber gut genug, um vorne mitzufahren, wenn Fahrer und Team in dieselbe Richtung arbeiten.

Die Conclusion aus Hangtown ist deshalb klar: Kawasaki hat kein reines Motorradproblem, sondern vor allem ein Momentum-Problem bei seinem Hauptfahrer. Marchbanks zeigt gerade, wie viel möglich ist, wenn man das Paket annimmt und sauber aufbaut. Sexton muss genau dorthin zurückfinden – weg vom Frust, hin zu Kontrolle und Vertrauen.

Für Kawasaki ist das einerseits unangenehm, andererseits wertvoll. Denn Marchbanks beweist, dass im Team mehr steckt, als die Ergebnisse von Sexton vermuten lassen. Und für Sexton ist es vielleicht der deutlichste Weckruf: Der „Zweitfahrer“ fährt nicht nur mit. Er liefert.

Kai Schulte-Lippern
Kai Schulte-Lippern
Fotocredits
  • Align Media
  • RacerX
  • Octopi Media
Textcredits
  • Kai Schulte-Lippern

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