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KMP Honda Racing - Behind the scenes, Teil 1

Desaster für KMP

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Lesedauer: 4 min

Normalerweise spricht man beim Motocross von einem Desaster, wenn die eingefahrenen Ergebnisse nicht ins Konzept passen. Doch für das KMP-Honda-Racing-Team rund um Alex Karg wurde die Anreise zum Masters-Auftakt zu einem wirklichen Desaster, denn der Teamtruck samt aller Racebikes und Materialien brannte ab. Dennoch startete KMP beinahe in voller Besetzung in Grevenbroich!

Das Erwachen am Freitag Morgen war für Karg, dessen Familie, Mechaniker und Fahrer sicher kein Zuckerschlecken, denn die Erlebnisse der vorangegangenen Nacht dürfen ohne Übertreibung sicher als Albtraum betitelt werden. „Mein Handy klingelte als wir beim RWE vorbeifuhren und ich sah, dass meine Frau, die hinter mir fuhr, mich anrief. Statt den Anruf entgegen zu nehmen, warf ich einen Blick in den Spiegel und sah hellen Rauch am Trailer des LKW, den ich fuhr“, erinnert sich Alex an die noch frischen Eindrücke. Sein erster Gedanke galt den Bremsen des Aufliegers, die womöglich überhitzt seien, so dass er anhielt um danach zu schauen. Kaum hatte er den Truck einmal umrundet war klar, dass nicht die Bremsen die Ursache für die Rauchentwicklung waren, sondern der Qualm aus den Türritzen des Werkstattbereichs drang.

Auf dem Track muss zumindest das Fahrwerk passen

Spätestens beim Öffnen des Trailers war das Ausmaß der Katastrophe klar: Schwarzer Rauch, denn der Zeltboden, welcher aufgerollt als nächstes zur Tür gelagert war, stand in Flammen. Mit dem Feuerlöscher versuchte Karg reflexartig selber den Brand zu löschen, jedoch verpuffte dessen Inhalt wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Auch wenn die Feuerwehr nur zehn Minuten brauchte, wirkten diese wie eine Ewigkeit auf den Teamchef: „Natürlich ging mir der Arsch auf Grundeis, aber ich hoffte ich bekomme das Feuer noch aus… Ganz ehrlich, den Feuerlöscher hätte ich auch wegwerfen können, so wenig Effekt hatte er. Ab dem Moment lief ich auf Autopilot und holte die Gasflaschen noch aus dem Wohnbereich, damit diese nicht explodieren und jemand verletzt wird. Zudem blieb eine kleine Hoffnung, dass die Feuerwehr so noch etwas retten könnte. Die Verbrennungen an Arm und Nacken merkte ich gar nicht vor lauter Adrenalin, aber mir wurde in der Wartezeit klar, dass wahrscheinlich alles verloren ist.“ Alex koppelte gar noch die Zugmaschine ab und hätte, wenn die vordere Tür des Trailers groß genug gewesen wäre, noch versucht die Bikes zu retten, denn diese waren alle sechs komplett neu und bis ins letzte getunt.

Bei KMP wird zusammengehalten

Entgegen der bisherigen Berichterstattung war der Brand nicht im Wohnbereich des Sattelzugs ausgebrochen, sondern in der Werkstatt. Ungefähr vier Stunden arbeitete die Feuerwehr und versuchte zu retten, was zu retten ist. Zum Löschen wurde der Anhänger nach dem Abstützen im Endeffekt mit Sand gefüllt, da sich das brennende Plastik nicht löschen ließ. „Nachdem alles abgekühlt war, wurden die Innereien des Aufliegers mit der Baggerschaufel herausgezogen. Selbst die Aluminiumregale und die Zeltstangen waren geschmolzen vor lauter Hitzeentwicklung…“, erzählt Karg. Er fährt fort: „Meine Herzensangelegenheiten wurde quasi mit dem Bagger und Ketten aus dem Truck gezogen… alles kaputt! Aber anders war der Inhalt des Aufliegers nicht mehr herauszubekommen, ganz egal, ob dabei eine fünfstellige Summe pro Bike zermatscht wurde… Bei den Bikes angelangt, wurde festgestellt, dass die Lithium-Ionen-Akkus nicht gebrannt haben und so glücklicherweise auch nicht explodiert sind.

Nach nur knapp einer Stunde Schlaf stand am Freitag Morgen ein Krisenmeeting des Teams an – wie sollte es weitergehen? Der inzwischen in Frankfurt gelandete Gert Krestinov meldte sich prompt, nachdem er die Bilder in den Sozialen Medien gesehen hatte und wurde mangels Bike, Bekleidung und Material gebeten, die Heimreise nach Estland anzutreten. Doch je mehr Karg über alles nachdachte, um so weniger kam kampflos aufgeben in Frage: „Wenn ich nachhause gefahren wäre, wie ein geprügelter Hund mit eingezogenem Schwanz, hätte ich mich selbst geohrfeigt. Das ist ja nicht nur mein Lebenswerk, sondern das des ganzen Teams und wir alle waren zuvor so guter Dinge, dass es endlich nach dem ganzen Corona-Schlamassel weitergeht. Ich erhielt so viele Nachrichten auf allen möglichen Kanälen und nahm das Angebot eines – zum Glück – hartnäckigen Kunden nach einer Absage doch noch an. Sebastian Bauten hatte mir sein kürzlich bei mir gekauftes Bike als Leihgabe für Brylyakov angeboten, da er ja sowieso um die Ecke von Grevenbroich wohne und helfen wollte.“

Die Hilfsbereitschaft im Paddoch war groß

Eines der Fahrwerke lag glücklicherweise bei Öhlins zum Service, so dass dieses in einer Nacht- und Nebelaktion auf „Seva“ Brylyakov angepasst und fertig gemacht wurde. „Im Tiefsand wäre es nicht zu verantworten gewesen, jemanden von ‚Sevas‘ Format mit einem Standard-Fahrwerk ins Rennen zu schicken. Jeremy hat kurzfristig sein Trainingsbike mitgebracht und fuhr damit“, fährt Karg fort, der seinem belgischen Schützling Jérémy Delincé zum Training ein komplett getuntes, konkurrenzfähiges Bike gestellt hatte. „Aber auch sonst fehlte uns alles, denn der alte Truck war ja komplett leer und alle Materialien mit dem neuen verbrannt! Die Jungs von Gibson sprangen ins Auto und versorgten uns mit Reifen und Mousse. Zudem halfen uns auch Konkurrenzteams! Sarholz beispielsweise half uns mit Kettenspray und Bike-Wash aus, so dass wir zumindest das Notwendigste zum Pflegen vor Ort hatten. Da möchte ich wirklich ein herzliches Dankeschön an alle richten, die Hilfe angeboten haben und uns zeigten, dass wir kein verhasstes Team sind, sondern ein Sympathieträger.“

Aufgeben war keine Option

Ohne Kampf aufzugeben war für Alex keine Option, doch die Zukunft ist fraglich: „Wenn wir dann irgendwann hätten einpacken müssen, weil wir keine Bremsbeläge mehr haben oder was auch immer, dann hätten wir es wenigstens trotzdem versucht gehabt. Kampflos wollte ich nicht einpacken, wir machten das Beste daraus und im Endeffekt klappte es sogar noch ganz gut, wie man an Jérémys siebtem Platz sieht! Wie es für Tensfeld weitergeht, weiß ich allerdings noch nicht so recht. Delincés Bike muss irgendwie halten, auch wenn es schon unzählige Stunden gesehen hat – das muss irgendwie gehen, selbst wenn wir einen Aufziehmotor montieren! Für Brylyakov muss ich ein Bike organisieren, sobald ich zuhause bin. Wer mir bis jetzt wirklich leid tut, ist Krestinov… Denn er ist komplett umsonst in Deutschland gewesen und wäre beinahe sogar noch einmal hergeflogen, als er sah, dass es für ‚Seva‘ doch weitergeht. Jetzt muss er für Tensfeld samt seinem Trainingsbike nach Deutschland fahren, damit er überhaupt fahren kann…

Andrea Schon
Andrea Schon
Fotocredits
  • Steve Bauerschmidt
  • Denis König
Textcredits
  • Andrea Schon

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4 Kommentare auf “Desaster für KMP

    1. Ich wünsche dem ganzen Team das es weiter geht. Alex du hast eine tolle Truppe zusammen, egal in welcher Klasse sie fahren. Es geht irgendwie immer weiter.
      Viele Grüße Frank Hassenpflug

  1. Liebes KMP Team, habe davon erfahren als ich Freitag anreiste um das Wochenende als Streckenposten zu Dienen.
    Respekt wie ihr das gemeistert habt. Und natürlich Respekt den Leuten die euch Unterstützt haben. Für die Zukunft alles erdenklich Gute. Gruß #404 Thomas Valdor